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aus dem Agape-Haus

Wie es anfing ... Brief an Tante Luise

Liebe Tante Luise!

Kürzlich durften wir mit Dir Deinen 101. Geburtstag feiern, zu dem Du uns an der Haustür empfingst und mit Deinem selbst gebackenen Kuchen bewirtetest. Wir sind voller Dankbarkeit dafür, dass es Dir physisch, psychisch und geistig nach wie vor gut geht, so dass Du immer noch selbständig leben und wohnen kannst. Interessiert hast Du Dich immer für besondere Biographien – solche von bedeutenden Menschen, die der Öffentlichkeit bekannt sind, aber auch solche von Menschen, die nicht im Rampenlicht stehen, die jedoch in Deinen Augen nicht weniger groß sind. Du dankst dies Deiner Fähigkeit, mit den Augen des Herzens zu sehen für die andere Maßstäbe gelten als diejenigen, mit denen die "Welt" Bedeutung und Größe misst.

Gern befasst Du Dich in diesem Zusammenhang mit Menschen, die sich unserer christlichen Religion verbunden fühlen, und so wird es Dich interessieren, wenn ich Dir von einer Persönlichkeit in unserer Stadt Lübeck erzähle, deren Wirken ohne den Wunsch nach Öffentlichkeit und Glamour begann und lange im Stillen blühte, auf die allerdings allmählich mehr und mehr Medienexperten aufmerksam werden, was jetzt zu einer ehrenvollen Preisverleihung für soziale Verdienste geführt hat.

Du erinnerst Dich gut an den strengen Winter 1944/45, als Du im zerstörten Dortmund mit Deinen vier Kindern im letzten Kriegswinter wahrhaftig kein leichtes Leben hattest. Allein musstest Du Dich durchkämpfen, Dein lieber Mann war noch Soldat an der Ostfront. Friederike Garbe wurde in den eiskalten Januartagen des Winters 1945 in Breslau geboren. Ihre Mutter begab sich wenige Tage nach der Entbindung mit diesem neugeborenen Mädchen und ihrer älteren Schwester auf die Flucht nach Westen in eine unbestimmte Zukunft. Unter diesen Umständen konnte man einem so zarten Menschlein fürwahr kaum eine Überlebenschance geben – doch das Wunder geschah: sie überlebte.

Ich betrachte ihr Leben auch in der Folgezeit als eine Perlenschnur voller Wunder – so wie sie es selber heute tut. Denn das, was sie heute prägt und trägt, ihr unbeirrbarer Glaube an den lieben Gott, der vor 2000 Jahren in Jesus Christus Mensch wurde, war nicht von Anfang an ihr Lebensbegleiter: erst die Liebe zu Günter Garbe, in dessen Familie die christliche Frömmigkeit selbstverständlicher Bestandteil des Lebens war, ließ sie die Quelle des Lebens kennen lernen. So möchte ich die Verbindung zu Günter Garbe, die sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährt, als zweites Wunder ihres Lebens bezeichnen. Dem Ehepaar Garbe wurde ein Sohn und eine Tochter geschenkt, die nun ihrerseits das Leben von Friederike und Günter Garbe um zwei Schwiegerkinder und sechs Enkelkinder bereichert haben. Die meisten von ihnen sind heute hier anwesend!

Nach Jahren eines weitgehend "normalen" bürgerlichen Lebens konnten Garbes in den neunziger Jahren ein wunderbares Patrizierhaus aus dem 17. Jahrhundert in der Mengstraße in Lübeck erwerben. Das ist die Straße, in der auch die Familie von Thomas Mann über Jahrhunderte ihre Spuren hinterließ, wir haben Dir, liebe Tante Luise, bei einem Deiner Lübeck-Besuche das "Buddenbrookhaus" gezeigt. Dort sahen sich Garbes mit einer Gesamtwohnfläche von 650 qm konfrontiert, die mit Leben erfüllt werden wollten. Das Ingenieurbüro von Günter Garbe fand Platz, die Familie fand Platz – aber immer noch war reichlich Raum zu füllen: da hatte Frau Garbe einen Traum, in dem ihr der Bibeltext aus Jesaja 58 erschien und den ich wiederum als "wunderbar" im wahrsten Sinne des Wortes bezeichnen möchte. Da heißt es: …brich dem Hungrigen dein Brot, und die, so im Elend sind, führe in dein Haus; so due einen nackt siehst, so kleide ihn … - Das war es!!! Sie öffnete ihr Haus für die Menschen, die in Not sind, dabei nahm sie gleichzeitig eindeutig Stellung zu der seinerzeit mit viel Vehemenz geführten öffentlichen Diskussion über die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. Dies bot sich an gemeinsam mit der von Studenten ausgehenden Bewegung "Leben bewahren", wo sie klar bekannte: ungeborenes Leben darf nicht zerstört werden. Viele Menschen sind seitdem kürzer oder länger MitbewohnerInnen ihres Hauses gewesen, unter ihnen besonders viele ledige, werdende, oft sehr junge Mütter, die vor und nach der Geburt ihres Kindes in der Hausgemeinsacht leben durften. Sow war es nur folgerichtig, dass dann auch die Babyklappe an ihrem Haus eingerichtet wurde in der im Laufe der Jahre insgesamt 16 neugeborene Kinder ankamen: Kinder mit Namen und namenlose, Kinder mit und ohne Begleitbriefe, Kinder mit und ohne Zeichen liebevoller Pflege – jedes mit unvollständiger Vergangenheit, aber mit einer Zukunft, die von Frau Garbe mitgestaltet werden konnte: liebevoll nahm sie sie auf und versorgte sie selbst während der Zeit, bis eine Dauerlösung gefunden wurde: und da war sie durchaus wählerisch: jedes Kind wuchs ihr in wenigen Tagen fest an Herz, und so war es ihr natürlich ein Anliegen, für eine gute Zukunft der Kinder mit aller Entschiedenheit einzutreten: denn das kann Frau Garbe auch: kämpfen wie eine Löwin, wenn es um "ihre" Schutzbefohlenen geht. Ich habe eine solche Diskussion mit einer schwierigen Sozialarbeiterin miterlebt – das hat mich tief beeindruckt Kompromisse werden da nicht akzeptiert – für ihre Kinder ist die beste Lösung gerade gut genug!

Zwei Leitlinien sind es in meinen Augen, die es Frau Garbe möglich machen, über viele Jahre ihre übermenschliche Leistung zu vollbringen: Versorgung der Familie, Betreuung der nie zur "passenden Zeit" eintreffenden Babys, Leitung der großen Hausgemeinschaft, berufliche Tätigkeit außerhalb des Hauses – und jetzt die 24-Stunden-Pflege ihres körperlich schwer behinderten Ehemannes Günter nach dessen Schlaganfall vor zwei Jahren: diese Leitlinien sind ihr fester Glaube an eine gütige Weltenlenkung durch unseren Gott, und die Liebe aus ihrem Großen Herzen heraus. Noch einmal darf ich Dich, liebe Tante Luise, an die Dir wohlbekannte Bibelstelle aus dem 1. Korinther-Brief erinnern, die mir auch für Frau Garbe so bezeichnend erscheint: …nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe – diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen. So ist es nur folgerichtig, dass sie ihrem Haus den Namen "Haus der Liebe" gab: nichts anderes bedeutet ja "Agape-Haus" – vielleicht noch klarer – um hier keinen falschen Zungenschlag in den Namen zu bekommen: Haus der Nächstenliebe.

Dabei galt und gilt ihre erste Liebe immer ihrem Ehemann Günter, der diese in vollem Umfang erwidert! Die beiden sind ein faszinierendes Ehepaar: sie Herz und Mund und Temperament, er Herz und Ohr und ruhige Sachlichkeit – und Blick! Letzterer ist in seiner jetzigen Krankheit umso sprechender geworden, weil sein schon immer zurückhaltender Mund durch die Sprachlähmung weitgehend verstummt ist. Doch ist sein Versand zum Glück wach geblieben, so dass der Dialog der Eheleute vollkommen lebendig ist – wieder ein Wunder: intensiviert noch durch die Zeit, die ihm jetzt geschenkt wird, da er auf die sitzende und liegende Lebensweise begrenzt und zum "Nichtstun" (jedenfalls im Sinne von aktiver Handlungstätigkeit) verurteilt ist durch seine Krankheit. Hier sehe ich wieder ein Wunder im Leben von Frau Garbe: den schweren Schicksalsschlag des Schlaganfalles konnte sie durch ihren klaren Wunsch, ihren Mann zuhause zu versorgen, zu einem noch intensiveren Eheleben führen. Und wer selbst Altstadtbewohner ist, weiß sehr wohl, welche Umgestaltungsmaßnahmen erforderlich sind, um ein solches Haus behindertengerecht zu bekommen. – Dass Ehemann Günter nicht nur diesen Schlaganfall, sondern besonders auch eine schwere Herzoperation vor Jahren überlebte – damals hing sein Leben wirklich an einem seidenen Faden – zählt auch zu den Wundern in Friederike Garbes Leben, die sie mit großer Dankbarkeit als Geschenke ihres Schöpfers sieht.

Heute bekommt Frau Garbe den Förderpreis für soziales Engagement von der Plansecur-Stiftung verliehen: eine schöne Anerkennung für ihr Wirken, verbunden mit einem willkommenen Geldgeschenk: auch das nimmt sie dankbar an, da die Finanzierung ihres großen Wirkungskreises nie leicht war – doch auch sie hat, dank vieler Hilfe großzügiger Spender, immer geklappt. Die Preisträgerin versteht den Preis als eine Anerkennung, die nicht ihr allein gilt: ihren Mann Günter, ihre Kinder und Enkel, ihre vielen vielen HelferInnen über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren, den Verein "Leben bewahren", die Kirche – insbesondere die Lübecker Domgemeinde – sie alle sieht sie als Mit-Preisträger.

Liebe Tante Luise – das ist nun ein langer Bericht geworden. Er wird Dich interessieren und vielleicht bist Du ein bisschen stolz auf mich, Deinen Patensohn, der an dem Leben und Wirken dieses ungewöhnlichen Ehepaares Anteil haben darf durch meine Tätigkeit als "Vorleser" bei Günter Garbe und als Kinderarzt der "Findelkinder", die in der Babyklappe eintreffen.

Herzlich grüßt Dich mit den besten Wünschen Dein Neffe und Patensohn

Axel (Fenner)

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